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Im Hintergrund brodelt der Namensstreit weiter: Noch immer existiert die Hermann-Röchling-Höhe!

#Völklingen/#Röchlinghöhe. Still und unauffällig existiert der Name Hermann-Röchling-Höhe weiter, dabei wurde der Völklinger Stadtteil bereits Ende Januar 2013 offiziell in Röchlinghöhe umbenannt.
Über einen Namensstreit der im Jahr 2000 begann und bis heute nicht endete.

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Noch immer weisen Wegweiser an der B51 den Weg zur Hermann-Röchling-Höhe (Foto: A.Hell)
Noch immer weisen Wegweiser an der B51 den Weg zur Hermann-Röchling-Höhe (Foto von 06/2014: A.Hell)

2000 berichtete das ARD-Magazin „Kontraste“ darüber, dass Adolf Hitler noch immer Ehrenbürger der Stadt Völklingen sei und darüber hinaus auch sein enger Vertrauter Hermann Röchling ebenso nach wie vor diese Ehre erhalte: Der damalige Oberbürgermeister Hans Netzer (SPD) widersprach damals: Diese Ehre erlösche mit dem Tode. Eine politische Distanzierung sei nicht mehr notwendig. Die hatte der Rat im Falle Hitler dennoch 1981 vollzogen, doch im Fall Hermann Röchling gab es diese bis dahin nicht: Erst nach der Umbenennung des Stadtteils hängt Oberbürgermeister Klaus Lorig (CDU) 2013 das Portrait des ehemaligen Ehrenbürgers Hermann Röchling aus der Ehrenbürgergalerie auf dem Flur im ersten Stock des Neuen Rathauses ab. Auch Netzer hat seinen früheren Standpunkt widerrufen.

Noch im Jahr 2008 forderte die Völklinger NPD ein „würdiges Denkmal“ für Hermann Röchling. Auch der damalige Landesvorsitzende und gerade wieder gewählte Vertreter der NPD im neuen Völklinger Stadtrat Frank Franz begrüßte diesen Antrag:

„Ein guter Antrag, mit dem grundsätzlich niemand Probleme haben dürfte. Es kann ja nicht angehen, dass wir in diesem Land für alles und jeden Denkmäler errichten, für herausragende Persönlichkeiten und Väter unseres Landes aber selbige nicht in Betracht kommen sollen. Ich bin gespannt, wie der Stadtrat über den Antrag entscheiden wird. Fest steht, dass wir in den kommenden Monaten eine ganze Kampagne um Hermann Röchling starten werden.“

Völklingen wird schon länger als eine der Hochburgen der NPD aufgezählt, so konnte die Partei schon bei der Kommunalwahl 2005 in den Stadtrat einziehen.

2010: Die „Bürgerinitiative gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit“ formiert sich mit der Zielsetzung den Stadtteil wieder zur „Bouser Höhe“ zu machen: „Schluss mit der Nazi-Verehrung in Völklingen!“
Was folgt ist ein 3 Jahre währender, polarisierender Namensstreit zwischen verschiedenen Interessensgruppen
: Auf der Hermann-Röchling-Höhe bildet sich beispielsweise eine Gegenbewegung, die Bürgerinitiative und der spätere Verein „Bürgerinitiative Zukunft Hermann-Röchling-Höhe“. Diese Vereinigung behauptet gegenüber der SZ 97% der Bevölkerung seien für den Erhalt des Namens. Auch eine spätere Umfrage auf der heutigen Röchlinghöhe soll eine klare Mehrheit gezeigt haben.
Drei Jahre streiten sich Bürgerinitiativen, Vereine, Parteien und auch die Bevölkerung über Sinn oder Unsinn von Namenserhaltung, Streichung des Namens Hermann oder der kompletten Umbenennung zur Bouser Höhe.

31. Januar 2013: Der Völklinger Stadtrat möchte, nachdem bereits einige Stadtratssitzungen sich mit dem Thema beschäftigten, den Namensstreit um die Hermann-Röchling-Höhe endlich beenden.

Die Stadtratssitzung zur Umbenennung des Stadtteils erfuhr großes mediales Interesse.
Die Stadtratssitzung zur Umbenennung des Stadtteils erfuhr großes Interesse.

Zu Beginn der Sitzung hat die Linke eine Bürgerbefragung beantragt, diese wurde jedoch von großer Mehrheit abgelehnt.
Bei der späteren Entscheidung über den Antrag der FDP den Stadtteil in Röchlinghöhe umzubenennen, der Deckungsgleich mit dem Antrag von CDU und SPD war, haben die Linke, die NPD und Pro Völklingen dagegen gestimmt (zusammen 9 Stimmen). Freie Wähler und Grüne (zusammen 4) haben sich der Stimme enthalten. So wurde der Antrag mehrheitlich von CDU, FDP und SPD (zusammen 32) angenommen.

Relativ zügig wurden die Ortsschilder auf der Röchlinghöhe an den neuen Namen angepasst, auch einige Hinweisschilder wurden schnell auf den neusten Stand gebracht. Doch damit war der Einflussbereich der Völklinger Politik und Stadtverwaltung auch schon an ihrem vorläufigen Ende.

Nicht ganz! Das beweist Edmund Barth vom Völklinger Aktionsbündnis Frieden: Schnell erinnerte er im Namen des Bündnisses an Relikte die noch zu beseitigen wären: Noch im Mai erklärte sich die Stadt für hölzerne Begrüßungsschilder die den Besucher auf der „Hermann-Röchling-Höhe“ begrüßten für nicht zuständig, wenige Emails und Briefe durch das Bündnis später wurde klar: Die Schilder gingen nach der Auflösung der Ortsinteressengemeinschaft in das Eigentum der Stadt über! Es herrschte Zugzwang, die Tafeln wurden im Juli gegen neue mit dem richtigen Namen ersetzt.

Willkommen auf der Röchlinghöhe
Willkommen auf der Röchlinghöhe

Auch der Name des Fußballvereins SV Hermann-Röchling-Höhe war dem Aktionsbündnis bereits damals ein Dorn im Auge. Doch dieser steckt tief und fest, denn bis heute beißt sich die Friedensgruppe an dem Verein sprichwörtlich die Zähne aus:
Auf ein Schreiben von Edmund Barth im Namen des Aktionsbündnises Frieden antwortete im März 2013 die Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zwar mit Verständnis für Barths Anliegen, doch mehr als eine Nachfrage an den Vereinsvorstand konnte der DFB, vertreten durch die Stiftung, nicht anbieten: Eine solche Entscheidung könne nur von den Vereinsmitgliedern getroffen werden hieß es abschließend im Antwortschreiben.
Auch die Ministerpräsidentin des Saarlandes Annegret Kramp-Karrenbauer lies Antworten das dem Land die Hände gebunden seien: Schuld seien Gesetze. Das saarländische Ministerium für Inneres und Sport, sowie das Bundesministerium der Justiz erklärten sich ebenfalls für nicht zuständig und verwiesen auf den zivilrechtlichen Weg.
Der Fußballverein, vertreten durch Vorstand und Mitglieder, ist offensichtlich bis heute nicht bereit über eine Umbenennung nachzudenken, begründet wird dies zumeist durch die finanziellen Folgen: „Wir brauchen 24000 oder 25000 Euro oder sogar mehr nur für die Trikots. […]“, wird der Schatzmeister des Vereins im Buch Wer war Hermann Röchling von Dieter Gräbner zitiert.
Selbstverständlich sollte man den Verein deswegen keineswegs verurteilen, noch vor der Umbenennung des Stadtteils erreichte er den dritten Platz beim „Willkommenspreis des Saarlandes 2013„, er wurde vergeben um die vorbildliche Integrationsarbeit des Vereins zu würdigen.
Dennoch bleibt für Barth im März 2013 das Fazit: „Man kann also feststellen, dass es in der Bundesrepublik offenbar völlig in Ordnung und rechtlich nicht angreifbar ist, wenn Vereine sich nach Nazigrößen und Kriegsverbrechern benennen. Mehr als traurig!“

In der Nacht zum 17.02.2013 wird der Röchling-Stein mit roter Farbe beschmutzt - Anhänger des alten Stadtteilnamens werten dies als Anschlag.
In der Nacht zum 17.02.2013 wird der Röchling-Stein mit roter Farbe beschmutzt – Anhänger des alten Stadtteilnamens werten dies als Anschlag.

Ein weiterer Streitpunkt ist das Röchling-Denkmal, dieses Relikt der Hermann Röchling-Ehrung sollte nicht nur in den Augen der „Bürgerinitiative gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit“ entfernt werden. Bereits im Oktober 2010 wurde der Stein demonstrativ verhüllt, im Februar 2013 wurde der Stein sogar mit roter Farbe beschmutzt – welche aber wenige Tage später bereits entfernt wurde. Auch Demonstrationen fanden in der Umgebung dieses Denkmales statt. Einen Vorschlag wie man dieses Ehrenmal zum Mahnmal machen könnte hatte Stefan Rabel (Fraktionsvorsitzender der CDU):

>>Bei der Aufarbeitung der Rolle Hermann Röchlings in der Stadtgeschichte solle nach Auffassung der CDU-Stadtratsfraktion das Denkmal durch eine Informationstafel zur Person ergänzt werden. Rabel: „Eine Entfernung des Denkmals wäre der Versuch, sich aus Geschichte und Verantwortung zu stehlen, und wird von uns deshalb abgelehnt.“<< (Zitat aus der SZ vom 19.02.13)

Ende 2013 wurde am oben genannten Denkmal zwar eine Plakette angebracht, doch die Aufschrift „Dr. Hermann Röchling [Absatz] Mitbegründer der ABG 1904 [Absatz] Initiator der Siedlung“ verliert kein Wort über sein Tun als Nazigröße.

Vergebens wartet auch „Völklingen im Wandel“ auf die Veröffentlichung einer Aufarbeitung des Wirkens der Person Hermann Röchling und seiner Familie, die durch die Stadt in Auftrag gegeben werden sollte, dies jedenfalls wurde im Februar 2013 vom Stadtrat so beschlossen. Zwar hat Lorig laut SZ Bericht den Auftrag sogar erweitert – man müsse nicht nur aufklären was die Familie Röchling tat, sondern das ganze historische Umfeld im Zeitraum 1933 bis 1945 und in der Folge betrachten. „Völklingen im Wandel“ ist dennoch bis heute keine Veröffentlichung einer städtischen Aufarbeitung bekannt.

Auch das Weltkulturerbe tut sich schwer mit den Gräu­el­taten des einstigen Firmenchefs, die in enger Verbindung mit der Vergangenheit des heutigen Industriedenkmals stehen:
Auf Antrag der Linkspartei wurde das Thema „Stellungnahme Prof. Dr. Meinrad Maria Grewenig“ (zur Umbenennung) unter anderem am 14.06.2012 auf die Tagesordnung der Stadtratssitzungen gesetzt. Die SPD schloss sich der grundsätzlichen Position zur Umbenennung des Stadtteils im Vorfeld an. Auf Antrag der CDU wurde der TOP nach geheimer Abstimmung allerdings von der Tagesordnung genommen.
In einem Gutachten äußerte sich Meinrad Maria Grewenig in seiner Funktion als Generaldirektor der Völklinger Hütte dem Argument, eine Umbenennung könne die Aberkennung des Welterbestatus‘ nach sich ziehen. Dies wurde allerdings schnell durch das Auswärtige Amt widerlegt. „Die Unternehmerpersönlichkeit Hermann Röchling steht dagegen nicht im Fokus des Weltkulturerbestatus.“, äußert sich Grewenig in einer Pressemitteilung des Weltkulturerbes, weiter: „Wir sind der festen Überzeugung, dass die historische Aufarbeitung der Person Hermann Röchling qualifiziert angegangen werden muss. Wir werden diesen Prozess im Weltkulturerbe Völklinger Hütte intensiv einleiten“. Leider liegt „Völklingen im Wandel“ auch von dieser Aufarbeitung kein Ergebnis oder Zwischenstand vor. Immerhin soll bald eine Stolperschwelle an die Opfer und Leiden unter den Zwangsarbeiter*Innen des Röchlingschen Hüttenwerkes erinnern.

Inzwischen sind fast eineinhalb Jahre vergangen, doch Barth muss immer noch feststellen: „Die Stadtverwaltung hat es offenbar versäumt den entsprechenden Antrag zu stellen.“ Noch immer werden Autofahrer aus Fahrtrichtung Bous an der Bundesstraße 51 durch Wegweiser zur „Hermann-Röchling-Höhe“ gewiesen. Nicht nur der Fußballverein, auch weitere Vereine tragen immernoch den Namen des Kriegsverbrechers in der Vereinsbezeichnung – dabei existiert dieser Stadtteil nicht mehr, zumindestens nicht mehr unter seinem Namen.

Hintergrund:
Hermann Röchling, ehemaliger Namensgeber des Stadtteils und einst Inhaber der Röchlingschen Eisenwerke, wurde zweimal wegen Kriegsverbrechen zu zehn Jahren Haft verurteilt, dennoch wurde 1956 laut Protokoll der Stadtteil im Gedenken an ihn zur „Hermann-Röchling-Höhe“ umbenannt. Erst über 50 Jahre später wurde dies durch das Streichen seines Vornamens aus dem Namen des Stadtteils relativiert.

Unter anderem hat das Völklinger Aktionsbündnis Frieden es sich zur Aufgabe gemacht jede Ehre für Kriegsverbrecher in unserer Stadt der Vergangenheit angehören zu lassen, und gleichzeitig an deren Taten mahnend zu erinnern – Beispielsweise mit der Verlegung von Stolpersteinen die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern oder einer ganzen Stolperschwelle, die im Bereich des heutigen Weltkulturerbes in Erinnerung an die Zwangsarbeiter*Innen des Röchlingschen Hüttenwerkes.

Auch Bürgerinitiative gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit hat ähnliche Ziele, sie setzte sich als erste Gruppierung gegen den alten Namen des Stadtteils ein und plädiert bis heute für die Rückbenennung zum ersten Namen der Siedlung: „Bouser Höhe“.

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